Die Lila Pausen oder die Zukunftsfähigkeit der Evangelischen Akademien – 12 Kommentare und 7 strategische Architekturempfehlungen

vom 28. November 2011

Die Zukunft der Evangelischen Akademien ist offen. Sie haben eine große Tradition, aber sie sind in die Jahre gekommen. Was macht sie heute attraktiv, nachdem andere ihre Erfolgsfaktoren (z.B. neutrale Plattform für gesellschaftlich brisante Themen, Reflektionsraum und Radar des Wandels) kopiert und teilweise optimiert haben?

Wenn die Akademien auch in Zukunft relevant bleiben wollen, müssen sie sich aus der Zukunft denken ohne ihre Traditionen und theologischen Wurzeln zu vergessen. Denn sie müssen für die nächste Generation unserer Führungseliten interessant bleiben, ja wieder interessanter werden, um nicht mit dem Erreichen der erweiterten Altersgrenze in den verdienten Ruhestand geschickt zu werden und wie viele Pensionäre entweder eine Sinnkrise zu erleiden oder schöne „Studiosus-Reisen“ zu längst Bekannten zu unternehmen.

In einem Projekt diskutierten Vertreter der Evangelischen Kirchen in Hessen und Nassau sowie Kurhessen-Waldeck mit Vertretern der Strategiemanufaktur und Studenten der Zeppelin Universität, Friedrichshafen, in einem generationenübergreifenden Dialog. Im Zentrum stand eine Diskussion um den Kern der Akademien, denn wir wollten wissen: „Was ist die Frage, auf die die Evangelischen Akademien künftig eine Antwort geben“ wollen.

12 Kommentare aus der Diskussion:

  1. Bekanntheitsgrad: Allen Studenten waren die Evangelischen Akademien vor der Einladung kein Begriff  (Mehrzahl Studienstiftler)! Eine Nachhaltige Ansprache junger Eliten fehlt.
  2. Internet: Internet-Auftritte zu schwach. Internet-Auftritt mit hoher Aktualität ist zentral für die Wahrnehmung, er soll funktional, freundlich und modern wirken.
  3. Mehrwert: Der Mehrwert der Evangelischen Akademien im Vergleich mit anderen/ähnlichen Angeboten (z.B. an der eigenen Universität oder Angeboten der Studienstiftung) nicht deutlich.
  4. Lage: Dezentrale Lage ist eher ein Nachteil (schwere Erreichbarkeit).
  5. Nutzen: Hohe Nutzenorientierung der Studenten – Was bringt mir meine Teilnahme?
  6. Dauer: Kurze Veranstaltungen sind attraktiver als lange Angebote.
  7. Attraktivität: Anders als Berlin sind die Akademien nicht „sexy“ (ein „Young Leaders of Tomorrow-Touch“ fehlt)
  8. Vernetzung der Generationen: Interessant wären Angebote mit generationenübergreifenden Teilnehmern, da ein großer Bedarf besteht von den Erfahrungen Älterer zu profitieren und so Orientierung zu erhalten sowie die Netzwerkbildung zu fördern.
  9. Engagement: Bereitschaft der Studenten sich in das Programm selbst einzubringen, z.B. bei Schülerformaten (Hofgeismar), um die Studienerfahrungen weiterzugeben (ein am Ende gegebenes entsprechendes Commitment wurde seitens der Kirchen bislang nicht abgerufen)
  10. Werte: Die Werte (Freiheit, Offenheit, etc.) der Akademien sind attraktiv, kommen aber nicht ausreichend bei der Zielgruppe an
  11. Kooperationen: Mehr Kooperationen mit z.B. Medien (z.B. Die Zeit, FAZ, etc.)
  12. Zukunftsthemen: Dialogformat (Radar-Format: Topic of Tomorrow) mit Studenten als „Themenscouts“ gründen

7 Strategische Architekturempfehlungen

  1. Die Evangelischen Akademien NEU-THEOLOGISIEREN
  2. Die Evangelischen Akademien NEU-FOKUSSIEREN
  3. Die Evangelischen Akademien NEU-VERNETZEN
  4. Die Evangelischen Akademien NEU-FORMATIEREN
  5. Die Evangelischen Akademien als DIALOG-ORT zwischen Eliten und Generationen
  6. Die Evangelischen Akademien als KNOTENPUNKT zwischen virtuellem und analogen Diskurs
  7. Die Evangelischen Akademien als GESTALTER VON ÜBERGÄNGEN

 

Vernetzung – oder die Welt zwischen Entgrenzung und Geschlossenheit

vom 4. Januar 2010

Wir lernen von Beginn unserer Ausbildung an in Abgrenzungen zu denken. In der Schule existieren Haupt- und Nebenfächer, an der Universität grenzen sich die Disziplinen voneinander und gegeneinander ab. Eine inter- oder gar transdisziplinäre Denkweise wird zwar oft gefordert, ist aber doch aus der Sicht des einzelnen Faches bislang immer nur die zweitbeste Lösung und wird immer nur schweren Herzens gewagt. In einer immer vernetzteren Welt sind jedoch Grenzen immer weniger eindeutig festzulegen und die Kompetenz der „Zwischen-Kompetenz“ wird immer wichtiger.

Eine schöne Metapher, die der ‚Angst‘ vor der Grenzüberschreitung treffend Ausdruck verleiht, ist die kleine Geschichte des Philosophen Hans Blumenberg über die „Seefahrt als Grenzverletzung“. Dort heißt es:

Der Mensch führt sein Leben und errichtet seine Institutionen auf dem festen Lande. Die Bewegung seines Daseins im ganzen sucht er jedoch bevorzugt unter der Metaphorik der gewagten Seefahrt zu begreifen. … Zwei Voraussetzungen bestimmen vor allem die Bedeutungslast der Metaphorik von Seefahrt und Schiffbruch: einmal das Meer als gegebene Grenze des Raumes menschlicher Unternehmungen und zum an- deren seine Dämonisierung als Sphäre der Unberechenbarkeit, Gesetzlosigkeit, Orientierungswidrigkeit.

D.h. mit anderen Worten auf die klassische Trennung zwischen Disziplinen, aber auch auf einzelne Sektoren wie Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft bezogen, dass man mit dem Verlassen des eigenen Sektors quasi eine Grenzverletzung begeht, eine gesetzeswidrige und die Götter herausfordernde Handlung, die immer auch den Schiffbruch, das Scheitern beinhaltet. Dieses Scheitern beobachten die Zuhausegebliebenen mit einer gewissen Genugtuung im Zuschauen – so auch der Titel des Bändchens „Schiffbruch mit Zuschauer“.
In einer globalen Entwicklung, die Grenzen – seien sie sektoral oder territorial – nicht länger anerkennt, wird das Überschreiten der Grenzen zur Pflicht, um adäquat handlungsfähig zu sein. Mit anderen Worten: Grenzen müssen neu gedacht, definiert und genutzt werden. Denn Orte sind nicht nur Orte der Trennung, sondern Orte der Verbindung. Sie sind Orte der Bewegung, denn sie sind auch historisch gesehen nie statisch, sondern immer dynamisch. Sie sind Orte der Sinnstiftung, die die eigene Position begrenzen und öffnen, hin zu einem Lernfeld.

In diesem Sinne sollte eine mögliche Weiterentwicklung z.B. des Ressortprinzips und der Ressorthoheit gedacht werden, denn eine Vielzahl von zu lösenden Fragen einer vernetzten Welt nehmen hierauf keine Rücksicht.