Die Strategiemanufaktur versteht sich als eine Unternehmensberatung, die mit ihren Kunden Strategische Architekturen entwickelt und aufbaut, um ihre Strategie- und Zukunftsfähigkeit zu erhöhen. Dies kommt auch im englischen Namen der Firma zum Ausdruck: The Strategy Architects. Was liegt daher näher als die Frage der Architektur mit einem Experten, einem Architekten im klassischen Sinn des Wortes, zu diskutieren.
DSM: Herr Schupp, Ihr Unternehmen Wilford Schupp Architekten in Stuttgart ist bekannt für sehr individuelle und wegweisende Architektur, die ihre Umgebung prägt. Beispiele sind u.a. die Britische Botschaft in Berlin, Staatsgalerie und Musikhochschule Stuttgart oder Braun Melsungen. Was ist Ihre Definition von Architektur?
Manuel Schupp: Architektur ist im besten Sinne Baukunst. Es ist das, was beim Planen und Bauen über die Soll-Erfüllung von Raumprogramm und funktionale Baurealisierung hinaus geht. So wie bei Werther’s Echten Bonbons, „der Löffel Butter mehr“. Durch Architektur wird ein Gebäude kulturell und künstlerisch wirksam.
DSM: Wie würden Sie den Unterschied zwischen guter und schlechter Architektur beschreiben? Was zeichnet gute Architektur aus?
Manuel Schupp: Der Unterschied zwischen guter und schlechter Architektur ist wie der Unterschied zwischen Espresso und Instantkaffee. Das eine ist irgendwie, das andere ist speziell und aussagekräftig. Das ist wie mit einem Maßanzug, er passt wie angegossen, unterstützt und kleidet den ihn Tragenden. Gute Architektur zeichnet sich durch Zeitlosigkeit, Langlebigkeit, Angemessenheit und Bezug zum Ort und zur lokalen Kultur aus.
DSM: Wie ist das Verhältnis von Architekt und Architektur?
Manuel Schupp: Um einen Vergleich aus der Welt der Musik zu nehmen: Der Architekt ist gleichzeitig Komponist und Dirigent, der einerseits das Werk denkt und andererseits, durch eine Vielzahl an Beteiligten von Seiten des Bauherren, der Behörden und der Fachingenieure, alles zu einem Gesamtwerk zusammenfasst.
DSM: Was bedeutet die Aussage Churchills “First we shape the buildings than the buildings shape us.” für die Arbeit eines Architekten, seine Planungen und Perspektiven?
Manuel Schupp: Churchills Zitat verdeutlicht, wie relevant und wirksam Architektur für Menschen ist. Sie hat einen großen Einfluss auf unser Wohlbefinden, auf unsere Leistung und viele weitere Befindlichkeiten. So kann schlechte Architektur Menschen ebenso krank machen.
DSM: Welche Rolle spielen die Menschen in der Architektur? Gibt es eine “humane Architektur”? Und was zeichnet sie aus?
Manuel Schupp: Architektur ist dafür da: ”to maximise unfolding of human life“. Architektur und Städtebau schaffen Räume für Menschen. Es ist nicht die Rolle eines Gebäudes, Zweck menschlicher Tätigkeit zu sein, sondern menschliches Leben und Wirken ist Bedingung und in diesem Sinne Anfang.
DSM: Was macht Architekturen zukunftsfähig oder nachhaltig?
Manuel Schupp: Architektur ist dann zukunftsfähig, wenn sie effekthascherische Moden igno-riert und versucht, ein Gebäude mit zeitlosen Komponenten herzustellen. Dies hat mit dauerhaften Materialien, mit Komposition, Wegeführung, mit Licht und Beleuchtung zu tun, generell mit der technischen Ausstattung und einem vernünftigen Preis.
DSM: Ich erinnere mich, dass wir uns vor längerer Zeit einmal über die Wechselwirkung von Organisationsentwicklung und Architektur unterhielten, damals im Zusammenhang von Be-hördenfusionen und der damit verbundenen Neuordnung von Arbeitsabläufen. Kann Ihrer Meinung nach Architektur als Katalysator für Veränderungsprozesse in Organisationen sein?
Manuel Schupp: Architektur wird durchaus von Bauherren instrumentalisiert, so dass sie im Veränderungsprozess ihres Unternehmens einen Neu- oder Umbau gerade zu inszenieren. Ich erinnere mich zum Beispiel an unseren Bauherren, die STO AG, die bei der Planung des Gebäudes K sagte: „Planen Sie uns ein Gebäude, welches zeigt, dass wir internationalisieren“. Also ja, Gebäude katalysieren Veränderungsprozesse.
DSM: Wenn Sie die Begriffe Strategie, Innovation und Vernetzung hören und mit Blick auf Ihre Arbeit betrachten, was fällt Ihnen dann dazu ein? Können Sie jeweils ein Beispiel und eine kleine Geschichte erzählen?
Manuel Schupp:
Strategie: Hier kommt mir folgende Geschichte in den Sinn: Ein Freund erzählte, dass er vor Jahren von einer geplanten Änderung der Richtlinien in der Lebensmittelproduktion erfuhr. Er eignete sich die planerischen Neuerungen an und ging auf eine Fachmesse, die hauptsächlich von Metzgern besucht wurde, um diese kennenzulernen. Wenige Wochen nach der Gesetzesänderung, fragten eben diese Metzger bei ihm an und baten, er möge ihnen ihren Betrieb umbauen.
Innovation: Bei der Diskussion über die Lüftungsanlage für den Vortragssaal in der Staatsgalerie Stuttgart, kamen die Fachingenieure zu dem Entschluss, dass es unmöglich sei, die vom Architekten gewünschten Weitwurfdüsen einzusetzen. Daraufhin gingen wir Architekten selbst auf die Suche und wurden in der Automobilindustrie bei UNIMOG fündig. Diese Düse sehen Sie heute in der Staatsgalerie. Innovation ist in der Automobilindustrie oft viel weiter als in der Bauindustrie und lebt auch von interdisziplinärem Austausch.
Vernetzung: Planung und Bauen sind in Deutschland vor allem mittelständig, teilweise sogar kleinteilig strukturiert. Es gibt allein in Baden-Württemberg 12.000 Architekten. Viele der kleinen Architekturbüros können nur teilweise professionell arbeiten, weil sie nicht die Möglichkeit haben, sich in zum Beispiel Pressearbeit oder Rechts- und Normenwesen genügend fortzubilden. Mit ena -European Network Architecture haben wir ein Netzwerk gegründet, das sich unter anderem mit dieser Thematik beschäftigt. Mitglieder sind neben Architekten, auch Fachingenieure und Hersteller von hochwertigen Bauprodukten. Gemeinsam suchen wir nach den Bauherren, die bereit sind für hohe Qualität auch etwas mehr zu bezahlen.
DSM: Der Schriftsteller Martin Mosebach schrieb in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung unter dem Titel “Und wir nennen diesen Schrott auch noch schön” ein flammendes Plädoyer für die Stadt der Gründerzeit – großzügig und großbürgerlich. Aber eben eine “Welt von Gestern” um Stefan Zweig zu zitieren, denn die Mosebach’sche Stadt kehrt in dieser Form wohl nicht wieder. Aber was kommt? Haben wir heute eine Vorstellung, was eine gelungene Stadt auszeichnet und welchen Beitrag Architektur, der Architekten hierzu leisten können und muss? Können Sie Ihre Vorstellung bitte kurz beschreiben?
Manuel Schupp: In meiner Vorstellung ist die Stadt ein Ort der Kultur. In ihrer Ausbildung ist sie stark von der europäischen Stadt beeinflusst. Von der Stadt, die von einem zentralen Ort geprägt ist, beispielsweise von einem Marktplatz, bildlich gesprochen. Sie gibt uns das Gefühl, angekommen zu sein. Wenn wir im Urlaub nach Italien fahren, gehen wir zuerst zur Spanischen Treppe oder in Siena auf die Piazza Del Campo. Hier halten wir uns mit Vergnügen stundenlang auf, hieran erinnern wir uns noch nach Jahren gerne.
Die gelungene Stadt ist für mich eine Stadt, die Leben und Arbeiten verbindet. Durch die städ-tische Vermischung lassen sich beide Lebensbereiche miteinander vereinbaren, was mehr Lebensqualität zulässt. Als eines der zukunftsweisenden Beispiele sehe ich Kopenhagen. Eine Stadt, die es geschafft hat, sich aus einer Krise in den 90er Jahren heute mit hohem Bevölkerungswachstum und mit verschiedenartigsten Bausteinen zukunftsorientiert aufzustellen. Ich denke da an die Realisierung des großen Infrastrukturprojektes Brücke über den Öresund, an ein alternatives Verkehrssystem mit Fahrradwegen und die Realisierung eines Bildungszentrums. Die skandinavische Region hat einen enormen Zuwachs an jungen Menschen und Studenten und hat es geschafft ganz gezielt und gefördert Zukunftstechnologien wie zum Beispiel “Green Technologies“ anzusiedeln. Könnte es nicht auch in unseren deutschen Städten gelingen, für alle Gesellschaftsschichten klare Ziele zu formulieren und dann gemeinsam zu erkämpfen, mit gemeinsamem Engagement für eine lebenswerte Zukunft in einer lebenswerten Stadt? Hamburg kommt derzeit meiner Vorstellung von Stadt nahe.
DSM: Das Thema der letzten Architektur Biennale war People meet in Architecture. Welche Herausforderung birgt dies Ihrer Meinung nach für die Gestaltungen von Architektur(en)?
Manuel Schupp: Architektur kann tatsächlich zu Kommunikation anregen und Räume können Dialog fördern, aber auch Kommunikation behindern.