Wir lernen von Beginn unserer Ausbildung an in Abgrenzungen zu denken. In der Schule existieren Haupt- und Nebenfächer, an der Universität grenzen sich die Disziplinen voneinander und gegeneinander ab. Eine inter- oder gar transdisziplinäre Denkweise wird zwar oft gefordert, ist aber doch aus der Sicht des einzelnen Faches bislang immer nur die zweitbeste Lösung und wird immer nur schweren Herzens gewagt. In einer immer vernetzteren Welt sind jedoch Grenzen immer weniger eindeutig festzulegen und die Kompetenz der „Zwischen-Kompetenz“ wird immer wichtiger.
Eine schöne Metapher, die der ‚Angst‘ vor der Grenzüberschreitung treffend Ausdruck verleiht, ist die kleine Geschichte des Philosophen Hans Blumenberg über die „Seefahrt als Grenzverletzung“. Dort heißt es:
Der Mensch führt sein Leben und errichtet seine Institutionen auf dem festen Lande. Die Bewegung seines Daseins im ganzen sucht er jedoch bevorzugt unter der Metaphorik der gewagten Seefahrt zu begreifen. … Zwei Voraussetzungen bestimmen vor allem die Bedeutungslast der Metaphorik von Seefahrt und Schiffbruch: einmal das Meer als gegebene Grenze des Raumes menschlicher Unternehmungen und zum an- deren seine Dämonisierung als Sphäre der Unberechenbarkeit, Gesetzlosigkeit, Orientierungswidrigkeit.
D.h. mit anderen Worten auf die klassische Trennung zwischen Disziplinen, aber auch auf einzelne Sektoren wie Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft bezogen, dass man mit dem Verlassen des eigenen Sektors quasi eine Grenzverletzung begeht, eine gesetzeswidrige und die Götter herausfordernde Handlung, die immer auch den Schiffbruch, das Scheitern beinhaltet. Dieses Scheitern beobachten die Zuhausegebliebenen mit einer gewissen Genugtuung im Zuschauen – so auch der Titel des Bändchens „Schiffbruch mit Zuschauer“.
In einer globalen Entwicklung, die Grenzen – seien sie sektoral oder territorial – nicht länger anerkennt, wird das Überschreiten der Grenzen zur Pflicht, um adäquat handlungsfähig zu sein. Mit anderen Worten: Grenzen müssen neu gedacht, definiert und genutzt werden. Denn Orte sind nicht nur Orte der Trennung, sondern Orte der Verbindung. Sie sind Orte der Bewegung, denn sie sind auch historisch gesehen nie statisch, sondern immer dynamisch. Sie sind Orte der Sinnstiftung, die die eigene Position begrenzen und öffnen, hin zu einem Lernfeld.
In diesem Sinne sollte eine mögliche Weiterentwicklung z.B. des Ressortprinzips und der Ressorthoheit gedacht werden, denn eine Vielzahl von zu lösenden Fragen einer vernetzten Welt nehmen hierauf keine Rücksicht.